Nachtrag zu Ligaturen in E‑Books

Dieser Beitrag geht auf einen kurzen Austausch auf Twitter über Ligaturen in E‑Books zurück. Der Auslöser waren Probleme bei der Darstellung von Ligaturen in vielen E‑Book-Readern. Doch ist es fraglich, ob allein eine bessere technische Unterstützung für Ligaturen auch zu einer besseren Typografie in E‑Books führen würde?

Doch fangen wir für weniger Typografie-geschulte Leser von vorne an. Ligaturen sind Glyphen, die auf der Verschmelzung eigenständiger Buchstaben beruhen. Auch in den heutigen Formen von Eszett und Kaufmanns-Und scheinen mehr oder weniger die Linien der ursprünglich verbundenen Buchstaben auf. Doch gelten Eszett und Kaufmanns-Und inzwischen als eigenständige Zeichen und ihre korrekte Darstellung bereitet in E‑Books keine Probleme.

Kaufmanns-Und

Problematisch sind eher dekorative Ligaturen, deren man sich früher vor allem im Bleisatz bediente. Bei bestimmten Buchstaben musste man Kollisionen der Oberlängen verhindern, ohne den Weißraum zwischen den Buchstaben unvorteilhaft zu erhöhen. Daher setzte man Buchstaben wie f und i gemeinsam auf eine Bleiletter und verband ihre Oberlängen auf dekorative Weise zur -Ligatur. In gedruckten Büchern gelten solche Ligaturen bis heute als besonderer typografischer Schmuck.

In der Bildschirmtypografie haben dekorative Ligaturen hingegen bisher keine Rolle gespielt. Das hatte lange Zeit vor allem technische Gründe. Erst mit Open-Type-Fonts (OTF) gab es eine Schrifttechnologie, welche als Feature „bedingte“ Ligaturen bot. Unterstützt die Software OTF-Ligaturen, werden anstelle von Buchstabenkombinationen automatisch entsprechende Ligaturen gerendert. Professionelle Satzsysteme wie Adobe InDesign und Quark Express unterstützten dieses Feature bereits seit langem.

Web-Browser und E‑Book-Reader haben hingegen sehr viel Zeit gebraucht, um überhaupt OTF-Schriften in Websites und E‑Books zu verarbeiten. Das ist mit der CSS-Anweisung @font-face und ihrer Unterstützung durch die Software inzwischen kein Problem mehr. Dennoch fehlten CSS bislang die passenden Worte für die Aktivierung von Ligaturen.

Ligaturen via CSS

Mit dem CSS Fonts Module Level 3 des W3C ist dieser Mangel behoben worden. Für verschiedene Arten von Ligaturen steht eine einheitliche Syntax für die Aktivierung von dekorativen Ligaturen zur Verfügung. Ligaturen in einer OTF-Schrift lassen sich generell mit der CSS-Eigenschaft font-feature-settings aktivieren. Die Unterstützung von Webkit- und Gecko-basierten Rendering-Engines lässt sich über Angabe der CSS-Eigenschaft mit dem Präfix -webkit oder -moz herstellen.

.class{
  font-variant-ligatures: common-ligatures;
  -moz-font-feature-settings: "liga", "clig";
  -webkit-font-feature-settings: "liga", "clig";
  font-feature-settings: "liga", "clig";
}

Zudem werden in CSS vier Arten von Ligaturen unterschieden, die sich separat an- und ausschalten lassen. Zur Auswahl wird die CSS-Eigenschaft font-variant-ligatures verwendet.

Typ font-variant-ligatures font-feature-settings
Standard-Ligaturen common-ligatures clig
Dekorative Ligaturen discretionary-ligatures dlig
Historische Ligaturen historical-ligatures hlig
Kontextuelle Alternativen contextual calt

Eine gut ausgebaute OTF-Schrift vorausgesetzt, bietet CSS3 endlich ein Vokabular für den Einsatz von bedingten Ligaturen an. Wie bei allen modernen CSS-Features muss hier aber auch das Lesesystem die Eigenschaften verstehen und umsetzen. Damit ist es jedoch leider bei vielen E‑Book-Readern nicht weit her. Wenn man sich nicht damit begnügen möchte, ein E‑Book nur für bestimmte Reader zu optimieren, bieten Ligaturen mit CSS3 zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine taugliche Alternative.

Unicode-Ligaturen

Technisch lassen sich Ligaturen auch umsetzen, indem man gleich das entsprechende Unicode-Zeichen einfügt. Die Voraussetzung ist natürlich, dass die Schrift die Glyphen bereitstellt. Im folgenden Code-Beispiel wurde für die fi-Ligatur die Hexadezimal-Entität eingefügt.

<p>Fischers Fritz &#xfb01;scht frische Fische</p>

Diese Methode birgt aus meiner Sicht aber auch Nachteile. In vielen Readern kann der Nutzer einfach die Schrift umschalten. Unterstützen die Systemschriften des Readers keine Ligaturen, werden die Glyphen nicht richtig dargestellt. Zudem wird in den Quelltext eingegriffen. Wörterbuch-gestützte Programme wie Screenreader oder Übersetzungsprogramme könnten sich an den Unicode-Zeichen stoßen und nicht die richtigen Worte erkennen. Eine technische Sicherheit ist also auch mit Unicode-Ligaturen nicht gegeben.

Gute Typografie im E‑Book?

Man könnte die schlechte Unterstützung für Ligaturen wieder als Ausweis für mangelhafte Typografie in E‑Books sehen. Aber dem ist nicht so. Eine einfache Aktivierung bedingter Ligaturen via CSS würde der Typografie einen Bärendienst erweisen.

Die Regeln für den richtigen Einsatz von Ligaturen kann man nicht ohne weiteres in einen Algorithmus gießen. Vor allem Sprache spielt hier eine besondere Rolle. So sind Ligaturen wie , , und üblich für den Satz deutscher Texte. Die Th-Ligatur ist dagegen eher für englische Texte typisch, da dort naturgemäß mehr Worte mit Th beginnen. Im Türkischen wird zwischen dem Buchstaben i mit und ohne Punkt ı unterschieden. Die bedingte Ligatur würde diesen Unterschied verwischen und wird aus diesem Grund nicht verwendet. Ein Lesesystem sollte durch Auswertung der Content-Language, die man über das HTML-@lang-Attribut setzen kann, diese sprachlichen Besonderheiten berücksichtigen. Eine Garantie würde ich dafür jedoch nicht abgeben.

Aber bleiben wir bei der deutschen Sprache. Nach Duden darf man Ligaturen nicht über Wortfugen hinweg setzen. Ein Automat würde bei dem Wort „Kaufleute“ eine Ligatur setzen, ein guter Setzer nicht. Mit einer globalen Aktivierung von bedingten Ligaturen wird die Typografie im E‑Book mithin nicht besser, sondern schlechter.

Sollten CSS3-Ligaturen irgendwann über alle Geräte hinweg funktionieren, könnte aber eine Präprozessierung des Contents mit einem Wörterbuch einen Ausweg bieten. Ein Wörterbucheintrag in XML könnte genau markieren, wo eine Ligatur erlaubt ist:

<word>Schi<lig>ff</lig>fahrt</word>

Bei der Konvertierung nach HTML könnte man einen span erzeugen, an den via CSS3 die Ligatur-Ersetzung geknüpft ist.

Schi<span class="ligatur">ff</span>fahrt

Auf diese Weise ließen sich Ligaturen verwenden, ohne dass die Typografie Schaden nimmt. Ob Digital-Typografie bedingte Ligaturen braucht, steht freilich auf einem anderen Blatt.

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Schöne Zusammenfassung der technischen Hintergründe unserer Twitter-Diskussion.
Danke, Martin 🙂