License to Bill – Schriftlizenzen für E‑Books

Wenn in meinem beruflichen Umfeld über die Qualität einer Schrift gesprochen wird, dann fühlt man sich mitunter an eine Weinprobe erinnert. Es geht wie beim Wein um die Herkunft, welche sich etwa anhand einer barocken Tropfenform erschließt. Die Schrift sollte vor allem im Korpus, also bei etwa 10 Didot-Punkt für das Auge gut genießbar sein und der Charakter kann sich jung, grob oder elegant ausnehmen. Während man zweifelsohne viel über die beste Schrift für das Buch nachdenkt, hält sich das Engagement bei E‑Books hingegen in Grenzen.

Wie Nils Tiemann im Rahmen seiner Arbeit zu „technischen und typografischen Aspekten der E‑Book-Herstellung“ herausfand, geben nur knapp 17% der befragten Verlage überhaupt E‑Books eine individuelle Schrift mit. Etwa die Hälfte setzt auf eine Standardschrift für alle E‑Books, allerdings sucht man bekannte Typen wie Caslon, Fleischmann oder Minion vergeblich. Stattdessen zeichnet sich bei E‑Book-Schriften eine Dominanz weniger Open-Source-Fonts ab. Doch warum wird Schrift im gedruckten Buch soviel Aufmerksamkeit geschenkt, während man diese bei E‑Books stiefmütterlich behandelt?

Zunächst gibt es einige Gründe, die technologischer Natur sind. So zeigen E‑Book-Reader in der Voreinstellung meist eine vorinstallierte Standardschrift an und es ist etwas technische Nachhilfe notwendig, damit auch zuerst die Verlagsschrift angezeigt wird. Außerdem kann ein Nutzer die Verlagsschrift auch einfach zugunsten seiner Lieblingsschrift abschalten. Dazu hat Fabian Kern bereits einen ausführlichen Artikel über Schrift-Einbindung in E‑Books verfasst, den ich hier empfehlen möchte.

Manche Schriften liegen zudem nur in alten Postscript-Formaten vor, die für E‑Books nicht kompatibel sind. Auch die Kodierung der Zeichen muss Unicode-kompatibel sein, was bei älteren Schriften oder Pi-Fonts selten der Fall ist. Auch ihr Zeichensatz muss reichhaltig sein, soll die Schrift als Standard für alle Publikationen eines Verlags fungieren. Das Gros aller Schriften wurde zudem für die Druckausgabe optimiert. Deutlich überschaubarer ist die Zahl der Schriften, die auch auf dem Bildschirm eine gute Figur machen.

Desktop-Lizenzen mit E‑Book-Option

Neben diesen technologischen Einschränkungen gibt es aber auch einen anderen Grund, warum die typografische Vielfalt von E‑Books begrenzt ist. Viele Verlage verfügen zwar über einen reichen Fundus von Schriften, allerdings erstreckt sich deren Lizenz nicht auf die elektronische Ausgabe. So datieren viele Lizenzvereinbarungen noch aus einer Zeit, wo E‑Books Zukunftsmusik waren.

Nun stehen inzwischen auch aktuelle Lizenzen zur Verfügung, welche elektronische Ausgaben berücksichtigen. Doch reicht eine Desktop-Lizenz in den meisten Fällen nicht aus. So schließen die meisten Desktop-Lizenzen von Adobe1 oder Monotype2 eine kommerzielle Nutzung von Schriften in E‑Books direkt aus.

You may embed the Font Software only into an electronic document that (i) is not a Commercial Product (...)

Die einzige Ausnahme bei Monotype bildet die Lizenz für die Reihe der FontFont-Schriften, welche man leicht am FF Präfix erkennt. Das FontFont Desktop Fonts Agreement3 erlaubt die Einbettung, sofern der Text in der Anwendung nur angezeigt wird und nicht editierbar ist.

Embedding. You may embed the Font Software in documents, applications or devices either as a rasterized representation of the Font Software (e. g., a GIF or JPEG) or as a subset of the Font Software as long as the document, application or device is distributed in a secure format that permits only the viewing and printing but not the editing of the text.

Reine E‑Book-Lizenzen

Nun kann man natürlich einfach eine spezielle E‑Book-Lizenz erwerben. Viele Font-Shopping-Plattformen bieten beim Kauf eine E‑Book-Option. Im Vergleich zur Desktop-Lizenz darf man die Schrift auch in E‑Books einbetten. Letztlich erhält man dieselbe Datei, allerdings zu einem anderen Preis.

Der Regular-Schnitt der URW Garamond kostet bei myfonts.com z. B. schlanke 29,– EUR als Desktoplizenz für bis zu fünf Nutzer. Wird zusätzlich die E‑Book-Lizenz ausgewählt, bezahlt man schon 87,– EUR (ohne temporäre Aktionsrabatte). Der Haken an der Sache ist, dass die Lizenz nur für eine bestimmte Anzahl von Titeln gilt. Man zahlt dort also nicht nur einen Aufpreis von 66%, sondern dieser multipliziert sich mit jedem weiteren Titel. Folglich muss man bei zwölf Titeln schon 725,– EUR berappen, für einen Schriftschnitt wohlgemerkt. Mit Aktionsrabatt muss man „nur“ noch 710,50 EUR zahlen.

Warenkorb auf myfonts.com

Bei FontShop gibt es Lizenzen nur unwesentlich günstiger. Dort zahlt man mit 864,– EUR für die E‑Book-Lizenz des Bembo Family Pack immer noch doppelt soviel wie für die Desktop-Lizenz. Da dieser Preis nur für einen einzigen Titel gilt, kann sich also jeder ausrechnen, wieviel E‑Books verkauft werden müssen, damit allein die Schriftlizenzkosten eingespielt sind. Die Preisspanne zwischen Desktop- und E‑Book-Lizenz erscheint umso fragwürdiger, da man mit einer Schrift auf dem PC immerhin richtig arbeiten kann, während diese im E‑Book einfach nur komprimiert und verschlüsselt in einem Container liegt.

Was mich beim Betrachten des Warenkorbs verwunderte, ist dass mir dort die Desktop-Lizenz als zusätzliche Option angeboten wurde. Ohne Desktop-Lizenz dürfte es schwierig werden, die Schrift in ein E‑Book einzubetten, ohne sie auf einen Computer zu kopieren.

FontShop Warenkorb

Die Produktion eines E‑Books kann also allein durch die Einbettung einer Schrift mindestens fünfmal teurer werden. Wenn man verschiedene Schriftschnitte braucht, sind noch höhere Kosten möglich. Bei aller Liebe zu guter Typografie, lohnt sich die Beigabe einer Schrift nur bei Titeln mit hohem Absatz oder mit einer Lizenz ohne Titel-Limitierung. Man stelle sich mal vor, man müsse für jedes gedruckte Buch eine neue Lizenz kaufen.

Alternativen

Nicht umsonst erscheinen sogenannte Free Fonts als Alternative. So gibt es unzählige Websites, wo man Schriften kostenlos herunterladen kann. Dennoch ist der Begriff Free Fonts problematisch, da sich der kostenlose Einsatz oft nur auf einen bestimmten Bereich beschränkt. So muss schon explizit die kommerzielle Nutzung und Einbettung in E‑Books erlaubt sein, damit man guten Gewissens zu einem Free Font greifen kann.

Besser fährt man mit Schriften, die unter einer Open-Source-Lizenz wie der Apache Lizenz oder SIL Open Font Lizenz publiziert wurden. Dabei handelt es sich um verbreitete Lizenzmodelle, mit denen auch die kommerzielle Nutzung in E‑Books möglich ist. Einschränkungen gibt es nur wenige. So darf man Schriften mit SIL-Lizenz nicht unter demselben Namen publizieren, wenn man Änderungen an ihnen vorgenommen hat.

Inzwischen gibt es auch viele Open-Source-Schriften, die auch ästhetisch zu gefallen wissen. So hat Georg Duffner mit der EB Garamond seine Variante der berühmten Antiqua unter einer SIL-Lizenz veröffentlicht. Die Vollkorn von Friedrich Althausen bringt genug Kraft für starke Kontraste auf dem Bildschirm und Googles ambitioniertes Noto-Projekt versucht eine Schrift mit einem Zeichensatz für (fast) alle Sprachen bereitzustellen. Gute Quellen für weitere Open-Source-Schriften sind Google Fonts und fontsquirrel (dort OFL/Apache als Suchfilter auswählen).


jeweils der Buchstabe "a" aus den Schriften EB Gramond, Vollkorn und Noto Serif

EB Garamond, Vollkorn und Noto Serif

Mit Open-Source-Lizenz hat man noch einen weiteren Vorteil. Man kann die Schrift im Rahmen der Lizenzbedingungen manipulieren. Wenn man bestimmte Zeichen benötigt, die im Zeichensatz noch nicht vorhanden sind, kann man die Schrift selbst erweitern. Möchte man solche Open-Source-Projekte unterstützen, so kann man neben Spenden natürlich auch Erweiterungen der Schrift direkt beim Urheber beauftragen.

Fazit

Bis auf die Lizenzen der FF Fonts sind die meisten Schriftlizenzen für die kommerzielle Produktion digitaler Publikationen unbrauchbar. Der Erwerb separater E‑Book-Lizenzen ist unwirtschaftlich, sofern die Lizenz nur für bestimmte Titel gilt. Bis die Font-Publisher Abhilfe schaffen, sind Open-Source-Schriften die günstigere und rechtssichere Alternative. Mittlerweile gibt es auch viele typografisch anspruchsvolle Schriften, die man professionell einsetzen kann und im Web und bei Apps bestimmen ohnehin Open-Source-Schriften das Geschehen.

Quellen

1
Adobe Desktop Fonts End User License Agreement
2
Monotype Desktop Fonts End User License Agreement
3
FontFont Desktop Fonts Agreement
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